Gastbeitrag - Das Flugwesen entwickelt sich, die deutsche Sprache auch

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Ich frage mich, wie es kommt, dass sich die Kreativität der Deutschen zu sprachlichen Neubildungen nicht auf ihre eigene Sprache, sondern auf eine Fremdsprache bezieht? „Die Deutschen“ sind ja berüchtigt dafür, dass sie in der Vergangenheit andere Länder überfallen haben. Überfallen sie heute, da sie das nicht mehr wollen und können, nun wenigstens andere Sprachen, vorzugsweise das Englische, um sie für die eigenen Interessen zu vereinnahmen und zurechtzubiegen?

Zugleich können sie damit beweisen, wie sehr sie das Eigene missachten, wie gern sie national unstolz und unselbstbewusst sind. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Der umgeleitete Expansionstrieb und das Bedürfnis, sich im Größeren klein zu machen.

Dass die Bevölkerung in Deutschland ausgetauscht werden soll, ist ja eine rechte „Verschwörungstheorie“. Der Sprachen-Austausch allerdings findet statt, wie jeder täglich merken kann, der noch Augen und Ohren hat. Die, die hier in Deutschland etwas zu sagen und zu schreiben haben, möchten offenbar zu einer anderen, „besseren“ Gesellschaft gehören, zu einer Englisch sprechenden. Deswegen tauschen sie das minderwertige Deutsche, wann immer sie es nur können, gegen das höherstehende, bessere Englisch.

Nur ein paar aktuelle Beispiele: Kein „Institut für Volksgesundheit“ mehr, sondern ein „PUBLIC HEALTH INSTUTUT“. Das ist immer dann zu sehen, wenn das Robert-Koch-Institut seine täglichen Verlautbarungen zum Coronavirus abgibt. Nicht um Abschottungen geht es, sondern um einen „Lockdown“, nicht um einen Stillstand, sondern um einen „Shutdown“. Bei den deutschen Wörtern wüsste jeder Deutschsprachige gleich, worum es geht, die englischen Wörter hören sich aber irgendwie wichtiger an. „Resettlement“, was die UN und EU wollen, bleibt in Deutschland fremd; offenbar soll keiner wissen, dass das „Umsiedlung“ heißt. Wie soll dann ein Deutscher dafür sein können, wenn er gar nicht weiß, was das heißt. „Brennpunkte“ gibt es hier nicht mehr, sie werden gegen „Hotspots“ getauscht, „Freiberufler“ gegen „freelancer“ (groß, deutsch, oder klein, englisch, geschrieben?). „Heimbüro“ hört sich ja dermaßen komisch an – aber nur, weil sich kaum einer in Deutschland traut, Wörter aus der eigenen Sprache für neu Aufkommendes zu gebrauchen - , da muss unbedingt „homeoffice“ her (was auf Englisch in Wirklichkeit „Innenministerium“ heißt). „Hausunterricht“ gibt es natürlich nicht in Deutschland, dafür umso mehr „homeschooling“.

Unterstützung gibt's auch nicht mehr, es wird nur noch „suportet“. Unsere Kinder sind ja so gut in Rechtschreibung, da können sie sich ruhig die Schreibweise in zwei Sprachen merken, auch wenn es im Englischen zuweilen mit zwei „p“ geschrieben wird. „Equipment“ ist doch viel erquickender als „Ausrüstung“, der Sprachenaustausch flutscht nur so, allzu gern „switscht“ der Deutsche in Englisch um („umschalten“ hört sich wirklich nicht so flutschig an).

„Soziale Distanzierung“ geht natürlich gar nicht. Viel verständlicher ist in Deutschland „soschell distänzing“. Das war schon vorher bei den „Sozialen Medien“ so, die hier natürlich unbedingt „soschell media“ heißen müssen. „Gründerfirmen“ - wie hört sich das denn an? Diese Wortwahl hat im Deutschen von heute – besser: dieses wording – hat einen schlechten Stand (besser natürlich: standing oder hatte ich „Klang“ gemeint? Dann natürlich besser: sound), geradeso wie „Gründerzeit“ oder „Gründerzeithäuser“. Deswegen muss es unbedingt „start-ups“ („Start-up-Zeit“ und „Start-up-Häuser“) heißen. Die Anziehungskraft der Anglizismen ist wirklich gewaltig, sie heißt aber nicht mehr „Anziehungskraft“ oder Sogfaktor, sondern natürlich Pullfaktor (was mit „pullern“ allerdings nichts zu tun hat).

Ob wir wohl noch den Ausstieg aus dieser verhängnisvollen Entwicklung für unsere Muttersprache finden können? Pardon, ich meinte natürlich den „Exit“.

Wenn sich unsere Führung entscheiden soll, wen sie eher sprachlich diskriminiert, junge, vitale Menschen, die unbedingt nach Deutsch-Land wollten (und nicht in ein Land, in dem Englisch gesprochen wird) und hier nun tatsächlich angekommen sind, oder die eigenen Alten, dann ist die Entscheidung klar wie Kloßbrühe: natürlich die eigenen Alten! Sogar ich brauche ein Wörterbuch, obwohl ich Englisch gelernt hatte, um den aktuellen Talkshows noch folgen zu können.

Vor kurzem sprach der österreichische Kanzler Sebastian Kurz vom „blame game“ und natürlich erbarmt sich kein Moderator der älteren Zuschauer und sagt Herrn Kurz, Entschuldigung, Sie sind hier im deutschen Fernsehen, nicht im britischen, was heißt „blame game“? (Um Gottes Willen, dann wär' er ja der blame talk-meister.) Die mentalen „basics“ (Grundlagen) des Sprachenaustauschs sind die Verachtung des Eigenen, das Aufsteigen-Wollen in eine richtige, schicke und angesagte Sprache. Das ist der „schlimmste Fall“ („Wurstkäse“ also), wie ein Volk mit seiner Sprache umgehen kann. Warum wandern diese Leute bloß nicht aus in Länder, wo sie immer und nur Englisch reden können?

Ganz einfach. Weil sie wollen, dass „Deutsch-Land“ „Englisch-Land“ wird. Sie ruhen fest in der Mitte, bewegen sich sprachlich keinen Millimeter, das umgebende Deutschland soll sich anstatt dessen an sie anpassen. Anstatt den Hocker an das Klavier zu rücken, soll das Klavier zum Hocker geschoben werden.

Die übergroße Zahl hier lebenden Ausländer hat sich aber die Mühe gemacht, Deutsch zu lernen. Dafür haben sie meinen ganzen Respekt verdient, denn ich weiß, wie schwer es ist, im höheren Alter noch eine Fremdsprache zu lernen. Es gibt allerdings auch einen harten Kern, vor allem Gebildete, die schon Jahrzehnte hier leben und immer noch kein Wort Deutsch können wollen. Die Streber-Deutschen hängen servil an ihren Lippen, sie wollen angeben und mit ihren Englischkenntnissen zeigen, was sie für tolle weltgewandte Hechte sind. Deswegen sprechen viele Deutsche schon in vorauseilender Anpassung Englisch und mancher Ausländer, der eigentlich ernsthaft vorhatte, Deutsch zu lernen, fragt sich, ob das wirklich notwendig ist, wo doch die Deutschen selbst anscheinend lieber Englisch als Deutsch reden.

Natürlich sind Sprachen lebendig und sie entwickeln sich. Dazu gehört auch die Aufnahme neuer Worte aus anderen Sprachen. Aber wie immer im Leben ist das eine Frage der Dosis. Ohne es jetzt überprüft haben zu können, bin ich mir sicher, dass selbstbewusste, stolze Gesellschaften wie die französische, spanische oder auch tschechische bei weitem nicht so viel eigene Worte durch englische ersetzen wie das die Deutschen tun, einem unreifen pubertären Gemüt gleich, das auf die Werbung hereinfällt und solide alte Möbel durch schicke, neu angesagte ersetzt, die bei weitem nicht so lange halten werden.

Wer gegen zu viele Anglizismen ist, ist der „rechts“? Nein, denn sie sind auch bei Rechtsextremen beliebt. Der Attentäter von Halle, zum Beispiel, hatte seine Pamphlete auf Englisch verfasst und auch der von Hanau bediente sich gern des Englischen. Wie geistig beschränkt die sind, die sich hier in Deutschland für „old school“ halten, sieht man schon daran, dass sie, wenn sie wirklich zur „Alten Schule“ gehören würden, diese Worte nicht neumodisch auf Englisch, sondern in der Sprache ihrer (Ur)Großeltern ausdrücken müssten.

Corona zwingt uns, eine Gemeinschaft zu sein, unter Einschluss derer, die sich die Mühe machten, Deutsch zu lernen. Wir brauchen dazu Einigendes, und das könnte und müsste die unverwechselbare Sprache derer sein, die hier in Deutsch-Land zusammen leben. Ein Allerwelts-Englisch können wir immer noch gebrauchen, wenn wir uns mit den Menschen verständigen wollen, die in anderen Ländern leben, wobei wir nicht unterschätzen sollten, wie viele von denen (auch) Deutsch können, zumindest so pidginhaft, wie viele von uns Englisch sprechen.